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Turkstaaten - Türkei - Einführung E-Mail
Geschrieben von Erich Sczepanski   
Artikel Inhalt
Einführung
Türkische Regionen - Istanbul
Anatolien
Schwarzes Meer / Mittelmeer
Einschub: Türkische Republik Nordzypern
Einschub: Atatürk - Geburt eines türkischen Nationalismus;
vom Aufstieg Erdogans
Einschub: Staatsreligion Islam?
Einschub: Schiiten in der Türkei - die Aleviten
Einschub: Die orthodoxe Kirche
Wirtschaft
Streitkräfte
Türkei












"Jahrelanges Wachstum hat den Ehrgeiz der Türken geweckt: Sie wollen in der Weltwirtschaft ganz vorn mitspielen. Bei Auslandsinvestitionen haben sie sogar die Inder abgehängt."
(Aus der FTD vom 12.02.2008)

Das türkische BIP wurde (Stand 2006) zu 26 % von der Industrie erzielt. Handel und Gastgewerbe folgen mit 20 %, Transport und Kommunikation mit 14 %, Finanzdienstleistungen mit 5 % und sonstige Dienstleistungen mit 21 % - der Dienstleistungssektor gehört also zur wichtigsten Branche der Türkei. Land und Forstwirtschaft trägt nur 9 %, die Bauwirtschaft 5 % zum BIP bei. 

 

Türkische Wirtschaft:
Die wirtschaftliche Entwicklung der modernen Türkei lässt sich in drei Phasen beschreiben.

Die erste Phase begann mit Atatürk und dauerte von 1923 bis etwa 1950. Diese Phase war geprägt durch einschneidende, umstürzlerische Reformen Atatürks und (nach 1938) durch Ismet Inönü. Hier wurde der Grundstein - weg von der feudalistisch islamischen Struktur des osmanischen Kalifats zur modernen, laizistischen Türkei gelegt,

In der zweiten Phase - 1950 konnten die Türken zum ersten Mal wählen - begannen die unterschiedlichen Strömungen um Macht und Einfluss zu ringen. Die Türkei wurde wesentlich pluralisitscher, musste sich aber auch extremistischer Umstürzler aus allen Lagern - sowohl marxistisch-revolutionärer Terroristen wie den rechtsextremen "Idealistenvereinen" (ülkücüller) erwehren. In dieser Zeit musste (?) das Militär zweimal (1971 und 1980) eingreifen, um die zunehmenden Auseinandersetzungen zu ersticken.  Auch der politische Islam begann sich, personalisiert durch die Aktivitäten Turgut Özals und Erbakans zu regen. Mit Turgut Özal (+ 1993) erhielt die Türkei einen politischen Führer, der persönliche Frömmigkeit zugleich mit ökonomischem Sachverstand und Wirtschaftsreformen verbinden konnte. Trotzdem gelang es den etablierten Parteien nicht, sich vom Pfrundewesen für die Parteianhänger und unendlichen Skandalen ("Susurluk") zu lösen. Insbesondere nach dem Tode Özals bis zum "Großen Knall" verfiel die politische Kultur des Landes immer mehr, dazu kam es zu wirtschaftlichen Problemen. Bereits der erste nach dem Militärputsch von 1983  frei gewählte Ministerpräsident Turgut Özal hatte begonnen, die türkische Wirtschaft radikal zu privatisiern. Der hierdurch ausgelöste Wachstums- und Modernisierungsschub führte aber auch zu den Begleiterscheinungen einer wirtschaftlichen Umstruktierung, die mit der "Notenpresse" bekämpft wurden. Auch der Bürgerkrieg gegen die Kurden verschlang Milliarden - das wirtschaftliche Wachstum war "auf Pump" finanziert und wurde durch die heißlaufende Notenpresse am Laufen gehalten. Diese "Blase" platzte im Februar 2001.

Der Aufstieg der Türkei - die "dritte Phase" - bekann mit einem "Knall".

Im Februar 2001 konnte der Staat die "Zwangswechselkurse" zum US-$ nicht mehr halten. Das Land verpulverte - in Erfüllung eines Vertrages mit dem Internationalen Währungsfonds - seine gesamten Devisenreserven für Stützungskäufe. Als kein Geld mehr vorhanden war wurde der Wechselkurs der türkischen Lira freigegaben - und die Lira verlor über Nacht fast die Hälfte ihres Wertes. Die Preise explodierten, viele Unternehmen mussten schließen - und die Arbeitslosigkeit erreichte einsame Rekordmarken. Als "Retter in der Not" wurde der stellvertretende Chef der Weltbank, Kela Dervis, gewonnen - der mit einem Milliardenkredit des Internationalen Währungsfonds den Staatsbankrott gerade noch abwenden konnte.

Inzwischen geht es seit Jahren stabil bergauf. Seit dem Herbst 2002 - dem ersten fundamentalem Wahlsieg Erdogans - wächst das BIP der Türkei jährlich durchschnittlich um 7,2 %. Die einst katastrophale Inflationsrate von knapp 70 % ist auf 8,6 % (Stand Juli 2007) gesunken. Die Türkei lockt mit ihrer Infrastruktur und Steuerprivilegien auch weiterhin Investoren an. In 251 Industrie- und 21 Freizonen (Stand: Sommer 2008), letztere auch noch mit Steuerprivilegien ausgestattet, entstehen "Cluster" der Wirtschaftsentwicklung.     

Und langsam zeichnet sich eine vierte Phase ab: nach Jahren des Aufstiegs erfolgt eine Konsolidierung.  Nach BIP-Steigerungen von bis zu 9,4 % gegenüber dem Vorjahr (2004)  konnten 2007 und (voraussichtlich) 2008 nur aten von etwas unter  5 % erreicht werden. Eine über 10,5 % ansteigende Inflationsrate (2007) und zur Inflationsbekämpfung hohe Zentralbankzinsen von bis zu 20 % sorgten dafür, dass Kredite teuer werden - und Investitionen teuer wurden. 

Die aktuelle wirtschaftliche Entwicklung:
Die türkische Wirtschaft konnte zuletzt über mehrere Jahre hin mit deutlichen Wachstumsraten aufwarten - und 2005 ein BIP von 340 Mrd. US-$ erwirtschaften. Seit 2002 wächst die türkische Wirtschaft durchschnittlich um 7,5 % - und auch im "Schwächejahr 2006" konnte noch ein Wachstumsschub von 6,1 % verzeichnet werden. Ein Anteil von 2/3 des BIP entfiel auf den Dienstleistungssektor, wärend die Landwirtschaft - die unser Bild von der (anatolischen) Türkei prägt - nur 12 % zum BIP beitrug. Bisher hat sich das Wirtschaftsleben des Landes - wie bereits im Teil "Regionen" geschildert - im Wesentlichen im Raum um Istanbul und entlang der westlichen Küsten am Mittelmeer abgespielt. Kein Wunder also, dass sich die Türkei wirtschaftlich nach Europa orientierte. Nach Meinung des Leiters der Wirtschaftsberatung PricewaterhouseCoopers wird in der Mitte dieses Jahrhunderts die Türkei - mit China, Indien, Russland, Brasilien, Indonesien und Mexico - wirtschaftlich mächtiger sein als jeder der derzeitigen G-7 Staaten. 

Knapp 60 % des im Land investierten Auslandsmittel stammen aus der EU. Etwa 50 % des türkischen Exports fließt in die EU, aber auch in Russland und - zunehmend - in den zentralasiatischen Staaten sind türkische Maschinenbauer, Pharmaunternehmer und Textilfabrikanten zunehmend in führenden Positionen im Markt vertreten. Daimler lässte in den Werken Hosdere und Davutpasa Lastwägen und Autobusse fertigen. Yilmau Redüktör ist zu einem auch für Europa wichtigen Zulieferer (Getriebe) geworden. Der türkische Haushaltswarenhersteller Arcelik (Kühlschränke, Waschmaschinen) mutiert zu einem High-Tech-Unternehmen. 

Auch in der Türkei kann die Automobilindustrie als Symbol für die wirtschaftliche Entwicklung des Landes gelten. Nicht nur, dass in den Automobilfabriken hunderte und tausende von Arbeitsplätzen entstehen - auch der lokale Absatz und die nachgefragte Typenvielfalt zeigt den Bedarf - und das Einkommen - breiter Bevölkerungsschichten. Rund 1000 Unternehmen mit 250.000 Arbeitsplätzen produzieren zur Zeit in der Türkei in diesem Industriesektor. Mit einer angestrebten Produktion von mehr als zwei Millionen Fahrzeugen im Jahr 2010 möchte sich die Türkei auch in den Reigen der zehn größten Fahrzeughersteller der Welt einreihen.
Derzeit (2007) nimmt auch der inlandische Automobilmarkt zu. Das ist kein Wunder, wenn man bedenkt, dass das Land mit seinem Motorisierungsgrad noch hinter seinen europäischen Nachbarländern Bulgarien und Rumänien zurücksteht.
Allerdings ist die Automobilindustrie der Türkei (noch) weitgehend auf den Export hin orientiert. In der Türkei laufen nicht nur die Kleintransporter Fiat Doblo und Ford Transit Connect vom Band. Im September 2007 wurde im Gemeinschaftsunternehmen Tofas (Fiat und Koc Holding) die Produktion des vollständig in der Türkei entwickelten Kleintransporters Minicargo aufgenommen, der auch von Peugeot und Citroen (PSA Group) vertrieben werden wird. Über 160.000 Fahrzeuge sollen zunächst jährlich gebaut werden - zu 95 % für den Export. Bis 2010 soll die Produktion sogar die Millionengrenze erreichen. Renault lässt die Modelle Megane und Clio komplett in der Türkei fertigen. Dazu kommen die Exportfertigungen für Toyota (Corolla), Honda (Zivic) und Hyundai (Accent). Die Automobilindustrie profitiert dabei vor allem von den - im Verhältnis zu Westeuropa um etwa 4/5 niedrigeren - günstigen Lohnkosten, den dennoch hohen Qualitätsstandards und den günstigen kurzen Transportwegen in die EU.

Eigene Energieversorgung:
Wie alle wirtschaftlich wachsenden Staaten benötigt auch die Türkei immer mehr Energie. Die Nachfrage nach Stromversorgung wächst jährlich um 7 bis 8 Prozent. Die Kraftwerke erzeugen rund 41.000 Megawatt - und jährlich kommt ein Bedarf von rd. 3.000 Megawatt hinzu.
Allerdings: die Möglichkeiten zur Erzeugung von Strom aus Wasserkraftwerken sind nahezu ausgeschöpft. Atomkraftwerke sind in einer potentiell von Erdbeben bedrohten, unstabilen Region auch nicht ideal.
Die Türkei setzt daher vermehr auf Windenergie. Nach Schätzungen von Experten sollen potentiell knapp 90.000 Megawatt erzeugbar sein. In einer "ersten Welle" sind ab 2004 bis 2006 Anlagen in Höhe von 1.000 Megawatt genehmigt worden. Im Jahre 2008 wird sich die Kapazität von Windpakranlagen von 280 auf etwa 560 Megawatt verdoppeln. Eine "zweite Welle" erbrachte weitere Anträge, von denen bis 2015 zwischen 4.500 Megawatt nach vorsichtigen Schätzungen) bis zu etwa 15.000 Megawatt errichtet werden könnten - die Kapazität von 15 Atomkraftwerken.

Energiedrehscheibe für Europa?
Die Türkei liegt geographisch genau im Zentrum zwischen dem energiehungrigen Europa und den an Öl- und Gas reichen Staaten des Nahen Ostens, Zentralasiens und Russlands. "Blue Stream" - eine Gasleitung - durchquert von Russland her kommend das Schwarze Meer und endet am türkischen Schwarzmeerhafen Samsun. Die Leitung soll nach Ceyhan am Mittelmeer verlängert werden, um den sensiblen Bosporus zu entlasten und die Tanker direkt am Mittelmeer befüllen zu können. In Ceyhan endet auch die Erdölleitung aus dem Irak, die derzeit (noch) still liegt, aber nach der Einigung der irakischen Zentralregierung mit der kurdischen Provinz über die Aufteilung der Erlöse des im kurdischen Norden gewonnenen Öls bald wieder in Betrieb gehen könnte.

Mit der Eröffnung einer gigantischen, fast 1.800 km langen Pipeline, die "schwarzes Gold" - Erdöl - von Baku am kaspischen Meer über Georgien und Erzurum bis nach Ceyhan ans Mittelmeer pumpt, ist der Osten des Landes und das "zentralasiatische Hinterland" der verwandten Turkvölker Zentralasiens in das Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt. Der 4. Juni 2006 - an dem der erste 600.000 Barrel-Tanker beladen wurde - kann vielleicht als Wendepunkt in der Orientierung des Landes verstanden werden.
Die Pipeline ist zum einen ein strategisches Objekt, das die zentralasiatischen Staaten von russischen Transferleistungen unabhängig macht und einen direkten Absatz der gigantischen Ölreserven in den Westen ermöglicht. Über 100 Mrd. Barrel Erdöl und 600 Mrd. Kubikmeter Gas werden im Einzugsgebiet der Pipeline unter dem Kaspischen Meer vermutet, und ab 2007 sollen die  Ölfelder Kaschagan (Kasachstan, 40 Mrd. Barrel) und Tengis an die Leitung angeschlossen werden. Über die Pipeline können täglich bis zu 1 Mio. Barrel Erdöl - an Russland und am Nadelöhr Bosporus vorbei - in den Westen gepumpt werden.
Dazu kommt eine parallel verlaufende Gasröhre, mit der ab September 2006 auch Gas transportiert werden kann. udem wird ab 2010 mit dem Bau einer neuen Gasleitung "Nabukko" gerechnet. Alleine das Gasvorkommen des Shah-Deniz-Feldes in Aserbaidschan wird auf bis zu 100 Mrd. cbm Gas geschätzt - genug, um nicht nur die Lieferverträge mit Russland zu erfüllen. Über einen Anschluss an die bestehende Gasleitung in Erzurum, die über Ankara bis in den Norden Griechenlands führt, kann auch Europa von diesen Gasvorkommen profitieren. "Nabucco" soll das Gas mit einer Jahresleistung von 20 bis 30 Milliarden Kubikmeter über Bulgarien, Rumänien und Ungarn nach Österreich führen. Ursprünglich gerade für iranisches Gas gedacht, hat die Blockade zwischen den USA und Iran inzwischen zu einer Umorientierung geführt. Derzeit wird zunächst auf Erdgas gehofft, das aus Zentralasien und Aserbaidschan über die Route Türkei-Bulgarien-Rumänien-Ungarn-Österreich geliefert werden - und so die Abhängigkeit von russischen Lieferungen reduzieren - soll. Vor allem auch die USA bemühen sich, diese Anbindung umzusetzen - wohl auch um Zugriff zu den zentralasiatischen Gasfeldern zu erhalten. Die Pipeline schafft neue Wirtschaftsbeziehungen - und neue politische Allianzen.
Eine zweite (alternative?) Route sieht eine Verlängerung der bestehenden Pipeline von Nordgriechenland bis nach Italien vor. Ein knapp 300 Kilometer lange Pipeline-Abschnitt von Bursa in der Türkei nach Komotini in Griechenland, der zu zwei Dritteln durch türkisches Gebiet führt, ist seit November 2007 eingeweiht. Die Leitung wird zunächst 250 Millionen Kubikmeter Gas pro Jahr transportieren. Bis 2010 soll das Gas vom Kaspischen Meer durch die Türkei und Griechenland durch eine neue 220 Kilometer lange Unterwasserleitung nach Italien weitergeleitet werden. Einen entsprechenden Vertrag haben Italien, Griechenland und die Türkei bereits unterzeichnet. Die Türkei hat eine "Trumpfkarte" in den Beitrittsverhandlungen mit der EU in der Hand. Die türkische Regierung verlangt dann auch, dass in den Beitrittsverhandlungen das Kapitel über die Energiefragen vorgezogen verhandelt wird.

Der Handel zwischen Aserbaidschan und der Türkei ist bereits von 2003 bis 2004 um 20 Prozent auf rund 500 Mio. US-Dollar im Jahr gestiegen und wird durch den Erdöl- und Gastransport - an dem die Türkei kräftig verdienen möchte - noch weit deutlicher steigen. Die Verlängerung der Pipeline über das kaspische Meer wird auch Turkmenistand und Kasachstan in diese Reihe aufnehmen. Die Türkei entwickelt sich (neben China) zum wichtigsten Handelspartner der türkischen Staaten Zentralasiens. 
Die Türkei, Georgien und Aserbaidschan haben sich in einer durch Stahlröhren verbundenen Allianz zusammen getan, die sich am Westen und nicht mehr am russischen Nachbarn orientiert. Georgien und Aserbaidschan arbeiten - zum Ärger Russlands - zunehmend mit NATO-Organisationen zusammen. Über Aserbaidschan hinaus engagieren sich mehrere hundert türkische Firmen inzwischen zunehmend in Turkmenistan, vor allem im Bereich der Energieindustrie. Die Türkei ist dort größter Investor - und zugleich größter Auftragnehmer für staatliche Aufträge. Von Kraftwerken über Öl- und Gasraffinerien bis zur Regierungsgebäuden wird vieles von türkischen Firmen gebaut.  Mit einer Verlängerung der Pipeline bis nach Kasachstan wird auch dieser zentralsiatische Staat unabhängiger von russischer Transfermöglichkeit - und neben China wird der Westen zu einem der wichtigsten Abnehmer der zentralasiatischen Öl- und Gasvorräte werden. Der Weg in den Westen führt für die zentralasiatischen Turkstaaten über die Türkei - die somit zu einem natürlichen Verbindungsglied zwischen Europa und Zentralasien wird.
Ceyhan entlastet Istanbul - im Jahre 2005 wurden (vor allem auf russischen Tankern) rund 150 Mio. t. Rohöl durch die schwierige Wasserstraße transportiert. Fast im Viertelstundentakt schlängeln sich die behäbigen Tanker bisher an Istanbul vorbei. Mit jedem Tanker, der sein Öl oder Gas aus Ceyhan holt, wird das Risiko eines katastrophalen Unfalls in Istanbul gemildert. Gleichzeitig entstehen im unterentwickelten Osten des Landes neue Wirtschaftsanlagen. Die Türkei - selbst ohne entsprechende Vorkommen - kann nun als Energiekorridor dienen und an der Pipeline die Industrien ansiedeln, die einen hohen Energieverbrauch haben. Ceyhan wird zu einem zentralen Umschlagplatz, ein "zweites Rotterdam", wie der türkische Energieminister Hilmi Gülmer schwärmt. 
Ceyhan entwickelt sich zu einem "Energiedrehkreuz" der Osttürkei.

Die volle Wiederinbetriebnahme der beiden Ölpipelines nach Kirkuk und Mossul im (kuridschen) Irak wird eine weitere Energiequelle sein, eine zusätzliche Pipeline, die vom russischen Noworissisk über den türkischen Schwarzmeerhafen Samsun nach Ceyhan führen soll, ist inzwischen projektiert - genauso wie die Verlängerung über das Mittelmeer zum israelischen Aschkelon. Gaslieferungen aus dem Irak und anderen arabischen Staaten sind inzwischen ebenfalls vreinbart.

Aber trotz aller Beziehungen zu Aserbaidschan: nach Russland ist der Iran der zweitwichtigste Gaslieferant der Türkei (Stand Sommer 2007). Dementsprechend lässt sich die Türkei auch nicht von amerikanischen Boykott-Aufrufen gegen den Staat der Mullahs beeindrucken. Türkische Firmen wollen im Südiran neue Gasfelder erschließen und mehr als 30 Mrd. Kubikmeter des wertvollen Rohstoffes direkt - über eine mehr als dreieinhalbtausend Kilometer lange Pipeline - von der Quelle beziehen - also doch iranisches Gas für Nabucco und Europa? Irans Außenminister Manuchehr Mottaki bezeichnete, so RIA Novosti, noch im Frühjahr 2008 die Beteiligung am Nabucco-Projekt als „einen der möglichen Bereiche der Zusammenarbeit zwischen Iran und der EU“. Schließlich wollte der österreichische Energiekonzern OMV das weltgrößte Gasvorkommen Süd-Pars in Iran erschließen, und übe Nabucco für Europa nutzbar machen. Ein Abzweig der Leitung soll auch turkmenisches Gas in die Türkei leiten. Und auch der Irak kann von Nabucco profitieren. Nuri al-Maliki, der irakische Ministerpräsident, hat im April 2008 in Brüssel die bevorstehende Unterzeichnung eines Gaslieferungsabkommens zwischen der EU und dem Irak angekündigt. Ab 2011 sollen rund 5 Mrd. cbm Erdgas geliefert werden. Dazu allerdings muss es der Türkei gelingen, mit den Kurden - und dem kurdischen Nordirak, aus dem das Gas kommen wird - eine friedliche Form des Zusammenlebens und der Kooperation zu entwickeln. Auch Ägypten hat zugesagt, ab Ende 2009 - nach Fertigstellung der "Arabischen Gaspipeline", die mit der Nabucco-Leitung verbunden werden soll - jährlich 2 Mrd. cbm Erdgas zu liefern.

Mit der zunehmenden Enttäuschung über eine zögerliche Aufnahme der Türkei in die EU geht also eine Stärkung der Verbindungen zu den türkischen Staaten Zentralasiens einher. Der Fokus der Türkei richtet sich zunehmend nach Osten. Hier werden zunehmend die natürlichen Verbündeten, die natürlichen Allianzen gesehen - der Ruf nach Turan, der Koalition aller türkisch sprachigen Staaten Asiens, wird lauter.

Verbindungen nach Zentralasien:
In Zentralasien stellen sich die Interessen der Türkei und der USA zunehmend gegensätzlich dar. 
Die Türkei sieht sich als Förderer einer panturanischen, großtürkischen Idee. In der Konsequenz müssten die Wirtschaftsbeziehungen untereinander gestärkt und die Wertschöpfung für die Produkte der Region auch auf regionaler Ebene gewonnen werden. Die USA dagegen versuchen (nach dem Motto „divide et impera“), den US-Konzernen und damit sich den Zugriff auf die reichen Erdöl- und Erdgasvorkommen in Zentralasien zu sichern. Die zentralasiatischen Staaten sind dabei, dem Weg der Türkei zu folgen. Sie haben erkannt, dass die bisherige Abhängigkeit von Russland nur über China im Osten - oder die Türkei im Westen - beendet werden kann, denn nur dort befindet sich ein Markt für die Produkte der zentralasiatischen Staaten, für Erdöl und Erdgas.

Die Pipeline über Georgien nach Ceyhan ist nur der erste Schritt einer wesentlich intensiveren Erneuerung der uralten Seidenstraße. Eine Transeurasische Bahn soll auf der Route China – Kasachstan – Türkei – Europa (mit einem Tunnel unter dem Bosporus) die beiden historischen Endpunkte der Seidenstraße verbinden. Die Strecke zwischen Istanbul und Ankara soll dabei zu einer Hochgeschwindigkeitstrasse ausgebaut werden. Das  Eurasische Magazin hat darüber bereits ausführlich berichtet. In Xinjiang (oder Ostturkistan) - der künftigen Verkehrsdrehschreibe in Chinas Westen - sind die Arbeiten bereits weit fortgeschritten. Nur Der Westen hängt etwas hinterher.

Diskutieren Sie mit: die Türkei, Kasachstan und die zentralasiatischen Turkstaaten: 
Kasachstan und zentralasiatisch-türkische Staaten - (www.defence-forum.net)

Verbindungen nach Arabien: 
Die Erdölpipeline zwischen Irak und Ceyhan wartet auf das Ende eines Dornröschenschlafes. Die mehrere tausend Kilometer legendäre Bagdad-Bahn, die Istanbul mit Bagdad und Basra am persischen Golf verband - ist seit Jahren nur mehr in Teilstrecken befahrbar, soll aber nach einem Abkommen zwischen der Türkei und dem Irak aus dem Jahre 2002 wieder hergestellt werden. Inwieweit dann auch die Zweigstrecke nach Syrien und Jordanien (Hedschas-Bahn), einst bis Saudi-Arabien führend) erneuert wird, bleibt abzuwarten.  
Von dieser fragilen Stabilität profitieren vor allem die (kurdischen) Transportunternehmer Ostanatoliens, deren Lastwagenflotte sich in langen Schlangen an den Grenzen zum kurdischen Nordirak stauen.
Die politische Lage am Südrand der Türkei lässt eher die Stationierung von Streitkräften als die Wiederaufnahme des Bahnverkehrs erwarten.

Verbindung in den Iran:
Eine weitere Bahnstrecke gilt es noch zu nennen: von Ankara führt ein regelmäßiger Zugverkehr  (nur durch eine Fährverbindung über den Van-See unterbrochen) nach Teheran. Der Iran ist einer der wichtigsten Handelspartner der Türkei - und von kurdischen Autonomiebestrebungen genauso betroffen wie die Türkei selbst.

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Letztes Update ( Montag, 28 Juli 2008 )
 
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