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Geändertes geopolitisches Verständnis - Einführung E-Mail
Geschrieben von Erich Sczepanski   
Artikel Inhalt
Einführung
Vier Akteure
Eine neue Ordnung?
Zusammenprall der Kulturen?
eine multipolare Welteinteilung
Ein Wandel zum Dialog der Kulturen?




 

 

 

Samuel Huntington - Die These vom "Zusammenprall der Kulturen"
1993 versetzte die These vom "Zusammenprall der Kulturen" vor allem Islamwissenschaftler und Orientalisten in helle Aufruhr - der Politikwissenschaftler Samuel Huntington warnte vor einer neuen Gefahr, dem Islam als einer bedrohlichen Zivilisation. 
Inzwischen ist die Auseinandersetzung zwischen Islam und westlichen Industriestaaten auch in den populären Berichten z.B. von P. Scholl-Latour ein Kernpunkt der politischen und wirtschaftlichen Auslandsberichterstattung. 
Bei näherem Hinsehen stellt sich aber eine gewisse Differenzierung heraus. 
Es geht nicht um Islam gegen Christentum, die Akteure sind vielmehr regionaler gegliedert. Nordamerika ist mit Europa nicht in einer Linie, und auch die islamischen Staaten Iran, Türkei und Irak stehen an unterschiedlichen Stellen in dieser Gemengelage. China und Indien (und im Übrigen auch Japan) fehlen dagegen in dem Szenario "Islam gegen Christentum" völlig. Dabei sind gerade diese aufstrebenden asiatischen Riesen im neuen Jahrtausend noch von viel größerer Bedeutung als die in sich uneinigen islamischen Staaten. Es lohnt sich also, die Intentionen Huntingtons näher zu analysieren - und nicht nur auf das Verhältnis von zwei großen monotheistischen Religionen zu reduzieren.

Huntington will die bisher gültige Einteilung der Welt in eine erste, zweite und dritte zugunsten einer Unterscheidung nach kultureller Einheit, Städte, Regionen, ethnischen Gruppen, Nationalitäten, religiösen Gruppen aufgeben. Er unterscheidet die Kultur einer süditalienischen Stadt von der einer norditalienischen, beide seien aber gemeinsamer italienischer Kultur, die sich ihrerseits z.B. wieder von deutschen Städten unterscheidet - und die europäische Gemeinschaft unterscheidet sich wieder von arabischen oder chinesischen Erscheinungsformen. 

Für deutsche Verhältnisse ließe sich der Vergleich schon aufbauend mit den Unterschieden zwischen einem altbayrischen Dorf und den fränkischen Fachwerkbauten beginnen. 

  • Wer sein Leben lang in der altbayerischen Landschaft mit seinen Blockhäusern und den flach geneigten Dächern verbracht hat, der empfindet die fränkischen Fachwerkhäuser als "fremd", als "fremdartig", und noch im Mittelalter war das politische Selbstverständnis des "wir", der sich zusammengehörig empfindenden Menschen gegenüber "den Fremden", "den Anderen" auch von den Hauslandschaften geprägt. 

  • Die nächste Stufe des "wir" bilden die bis zum Anfang des letzten Jahrhunderts bestehenden Eigenstaaten, die sich in den heutigen Bundesländern zum Teil wiederfinden. Bayern und Preußen - noch immer ein Gegensatz, auch wenn es den Staat "Preußen" nicht mehr gibt; aber seine Bevölkerung, die Bewohner der Hauptstadt Berlin und des Landes Brandenburg, lebt weiter.

  • Der Nationalstaat Deutschland war - und ist - die nächste Stufe der Einheit, bildet den nächsthöheren Horizont des "Wir-Gefühls" im Verhältnis zu "den Anderen", den "Ausländern". 

  • Und mit zunehmender Reise- und Urlaubserkenntnis bildet sich unbewusst eine weitere, noch höher liegende "Wir-Ebene." Romanische und Gotische Kirchen finden sich nicht nur in Deutschland, sondern auch in Frankreich, England, Italien. Alle diese Länder haben in ihren alten Städten Gebäude dieses Baustils, der in Frankreich als "französischer Stil" bezeichnet wird.


Die Großstadt Berlin unterscheidet sich in ihrer erlebbaren Architektur, in ihrer "Sinneswelt" mit Häusern, U-Bahn und Straßenverkehr nicht wesentlich von Paris oder London, die Unterschiede zwischen einem mecklenburgischen Dorf und der Weltstadt Berlin sind wesentlich größer als die zwischen Berlin und den anderen europäischen Großstädten.
Der europäische Einigungsprozess tut ein Übriges - aus wirtschaftlichen Bündnissen entsteht eine politische Einheit, verkörpert im Europäischen Parlament und erlebbar im "Euro", der gemeinsamen Währung. 
Es sind nur noch wenige Münzsammler, die €-Münzen aus anderen Ländern der eigenen Sammlung zuführen, ganz selbstverständlich aber gehören die unterschiedlichen nationalen Prägungen zum überall akzeptierten Zahlungsmittel.
Hier hat sich eine weitere, höher gelegene "Wir-Ebene" gebildet und bezeichnenderweise beteiligen sich am Irak-Krieg 2003 mit England und Dänemark zwei Staaten der europäischen Gemeinschaft auf Seite der USA (und in klarer Abgrenzung gegenüber europäischen Positionen), die nicht der €-Zone angehören. Andere europäische Regierungen wie Italien oder Spanien haben die USA zwar verbal unterstützt, dann aber - auf Druck der eigenen Bevölkerung ? - eine weitere, darüber hinausgehende Beteiligung unterlassen.

Abd al-Rahman Ibn Khaldun (1332 - 1406)
Die Erkenntnis ist nicht neu. Bereits dieser arabische Wissenschaftler und Historiker versuchte eine Erklärung der Frage, warum Reiche - Imperien - entstehen und verfallen. Mit dem soziologischen Begriff de "Asabiya" glaubte Ibn Kaldun den entscheidenden Faktor beschreiben zu können. De Zusammenhalt einer Gesellschaft, das "Wir-Gefühl" einer Gemeinsamkeit führt nach Ibn Khaldun zur Bildung von starken Gesellschaften. Dabei sind - nach dem amerikanischen Evolutionsbiologen Peter Turchin - gerade die konfrontativen Kontakte an ethnischen Bruchzonen entscheidend, um ein "Anderssein" wahrnehmen zu können und darauf aufbauend die eigene Gesellschafsidentität zu verinnerlichen.
Das römische Imperium sei als Reaktion der römisch-griechisch-etruskischen Stadtstaaten auf die gemeinsame Bedrohung durch die Keltenwanderung entstanden, die Eroberung und Romanisierung Galliens lies die ehemaligen keltischen Länder in die "Wir-Gesellschaft" eintreten, an deren Grenzen nun die "anderen", die barbarisch germanischen Stämme am Limes standen.
Und das römische Imperium ging erst unter, als diese germanischen Stämme das weströmische Kernland überrannten - und durch die Spaltung zwischen der "westlichen römischen" und der "östlichen orthodoxen" Kirche auch das "Wir-Gefühl" verloren ging. Das so isolierte Ostrom konnte den Ansturm eines neuen, islamischen Imperiums aus Arabern und Türken nicht mehr standhalten - zumal sogar Heerzüge aus dem Westen Europas plündernd über dieses Relikt des römischen Reiches herfielen. 

Das "Deutsche Reich" kann als (späte) Reaktion auf die französische Herrschaft über die Landesfürsten unter Napoleon verstanden werden.  

Auch die Europäische Union entstand an der "metaethnischen Bruchlinie" zwischen dem "kapitalistischen Westen" und dem "kommunistischen Osten". Die als gemeinsame Bedrohung empfundene sowjetische Diktatur führte zur Vernachlässigung der Gegensätze zwischen den westeuropäischen Nationen, die noch vor wenigen Jahrzehnten zwei Weltkriege auslösten. Die "deutsch-französische Erbfeindschaft" wurde angesichts dieser Bedrohung in wenigen Jahren auch emotional überwunden.
Nach dem Zusammenbruch der kommunistischen Bedrohung enwickelt sich auch die NATO auseinander - die Gegensätze zwischen den USA und Europa treten immer deutlicher zu Tage.

Jugoslawien zerbrach, als die "Wir-Identität" der einzelnen Völker gegenüber dem Zusammengehörigkeitsgefühl der "Südslawen" immer größer wurde. Es gab keinen "äusseren Druck", der Slowenen, Kroaten, Bosnier und Serben "zusammen geschweißt" hätte. Das mächtige benachbarte Europa der EU wurde als Verlockung und nicht als Bedrohung empfunden. 

So gesehen brauchen Imperien, die über die Nationalstaaten hinaus mehrere Nationen umfassen, eine "Bedrohung" von Aussen, einen gemeinsamen Gegner, der die inneren Gegensätze zurück drängt und überwindbar macht, und so ein "Wir-Gefühl" gegenüber "den Anderen" enwickeln lässt. Es wird abzuwarten sein, ob das "neue Russland" weiterhin als Katalysator für ein "europäisches Wir-Gefühl" wirken kann, ob die Unterschiede zwischen dem (katholisch geprägten) und spanisch/portugiesisch sprechenden Südamerika, dem englisch sprechenden (evangelikal geprägten) Nordamerika, der (durch die katholischen und evangelischen Christen geprägten) EU und der "orthodoxen Zivilisation" (mit den "slawischen Nationen" Russland, Weißrussland, Ukraine und Serbien sowie Moldawien, Georgien und Armenien) eigene "Blöcke" entstehen lassen. Es bliebe auch abzuwarten, ob die "gelbe Gefahr China", "der Islam" als Katalysator für ein weiteres Zusammenwachsen der Europäer oder gar der "westlichen (christlich geprägten)  Kulturen" ausreichen. 


Zurück zu Huntington und mit anderen Worten: 
Huntington entwickelt seine These vom "Clash of Civilizations" vor allem an der Bruchlinie zwischen "dem Westen" und "dem Islam". Er definiert Zivilisation als größtmöglichen Zusammenschluss auf einer größtmöglichen Ebene von Identität, die durch gemeinsame objektive Kriterien wie Sprache, Geschichte, Religion, Sitten, Institution und eine subjektive Zugehörigkeit (Selbstidentifizierung) gekennzeichnet ist. 
Eine solche Zivilisation kann (wie z.B. bei der arabischen Nation) auch mehrere Staaten umschließen, eine solche Zivilisation kann sich aber auch in "Subzivilisationen" aufteilen, wie z.B. bei den westlichen Staaten zwischen Nordamerika und Europa oder auch im östlichen Asien zwischen China und Japan. 
Dieser Ansatz scheint sich immer mehr durchzusetzen. 

Da die Denkweise des Menschen von seiner Sprache geprägt ist - man "denkt in sprachlichen Begriffen" - ist die unterschiedlich Sprache, die Zugehörigkeit zu einer anderen Sprachfamilie nicht nur ein hör- und wahrnehmbares Abgrenzungskriterium. In der Sprache drücken sich eine Vielzahl kultureller Selbstverständlichkeiten aus. Jede Sprache formt eine eigentümliche Denkstruktur (linguistisches Relativitätsprinzip),  wer unterschiedlich spricht, der denkt auch unterschiedlich - und daher bilden die Sprachfamilien auch eine Bruchzone zwischen der Denkweise der Menschen. Man "versteht" den anderen nicht nur wortwörtlich nicht mehr - auch das "Verständnis" für die Gedanken- und Interessenswelt des anderen geht an einer sprachlichen Barriere verloren. Die Geschichte von der "babylonischen Sprachverwirrung", die den "Turmbau zu Babel" verhinderte, hat so durchaus auch einen tieferen Sinn.

Dazu kommt eine weitere Trennung:
Religion und Sitte sind nicht nur "volkstümelnd touristische Folklore-Elemente". Die Religion prägt die ethische Grundeinstellung des Menschen von Kindesbeinen an. 
Religiöse Grundwerte wie Nächstenliebe, Güte und Toleranz - aber auch der "Heilige Krieg" sind in Idealen personalisiert, sind die Idealbilder einer Gesellschaft und damit ein gesellschaftliches Ziel, das tief im Inneren - unter der "Bewusstseinsebene" - das moralisch-ethische Handeln einer Gesellschaft bestimmt. 

Gegenkontrolle:
Kriegerische Auseinandersetzungen spielen sich dort aber, wo "Wir" und "die Anderen" zusammenstoßen. Wenn denn die These Huntingtons zutrifft, dann müssten die Verwerfungszonen zwischen den Zivilisationen, die Bruchlinien zwischen den Kulturen sehr viel deutlicher von kriegerischen Auseinadersetzungen geprägt sein als es im inneren dieser Kultur- und Zivilisationsgemeinschaft der Fall ist.

Tatsächlich deuten die immer wieder aufflackernden Konflikte gerade an den Bruch- und Verwerfungszonen zwischen sprachlich-/religiös unterschiedlichen Bevölkerungen darauf hin, dass sich der "Zusammenprall der Kulturen" auf die Menschen sehr viel mehr in kriegerischen Konflikten entlädt als jedes andere Interesse - man gewinnt die interessante Erkenntnis, dass sich die derzeitigen Konflikte fast ausnahmslos an den Grenzbereichen der einzelnen regionalen Zivilisationen ereignen:


Einige Beispiele:

Israel:
  • Die Staatsgründer Israels haben sich für das dem arabischen verwandte Hebräisch als Nationalsprache entschieden, obwohl durchaus auch andere Möglichkeiten wie etwa "Jiddisch" bestanden. Dennoch ist Israel ein Fremdkörper im arabischen Umfeld.

  • Das liegt zum einen und sicher auch vorrangig an der unterschiedlichen Religion - Judentum und Islam sind zwar ebenfalls verwandt, der Islam hat sich auch aus jüdischen Wurzeln entwickelt, aber beide Religionen sind doch sehr unterschiedlich.

  • Dazu kommt die "westliche Gesellschaft" der Israelis, die im arabisch-islamischen Umfeld als "Verwestlichung" bezeichnet wird. 


Irak
  • Der Dauerkonflikt mit Iran und den Kurden findet an der Bruchlinie zwischen der indoarischen und der semitischen Sprachfamilie statt.

  • Daneben gibt es eine religiöse Auseinandersetzung zwischen schiitischen und sunnitschen Arabern, die aber nur innerhalb des Irak stattfindet und bei den Auseinandersetzungen im sprachlichen Grenzgebiet im Hintergrund bleibt.


Türkei:
  • Der Dauerkonflikt zwischen Kurden und Türken ist ein Konflikt zwischen verschiedensprachigen Völkern.


Kaukasus:
  • Die "lokalen Kriege" zwischen Armeniern und (turksprachigen) Aserbeidschanern sind genauso Kriege zwischen verschiedensprachigen Völkern wie der Unabhängigkeitskrieg der Tschetschenen gegen die russische Staatsmacht.

  • Verschärft wird diese Konfliktlage durch die unterschiedliche religiöse Zugehörigkeit der verschiedenen Völker des Kaukasus.


Afghanistan:
  • Trotz der religiösen Einheit ist Afghanistan in einen Dauerkonflikt verwickelt - der sich immer wieder auf die Auseinandersetzung zwischen den ostiranischen Taliban und den Mujaheddin der "Nordfront" zurückführen lässt - deren stärkste Partei die von General Dostum geführte ubsekisch-turksprachige Gruppierung darstellt.


Indien - Pakistan:
  • Hindi und Urdu sind zwei praktisch identische Sprachen, die mit dem persischen nahe verwandt sind. Hier ist der Konflikt religiös motiviert. Das Pakistanische Staatsverständnis beruht geradezu auf der religiösen Abgrenzung des Islamischen Staates gegenüber der überwiegend hinduistischen, säkularen indischen Union.


Diese Beispiele lassen sich beliebig fortsetzen, was zur Erkenntnis und Bestätigung führt:
Fast jeder Konflikt lässt sich auf eine solche sprachlich-religiöse Trennung zurückführen.

Während aber in der Vergangenheit - während des "Kalten Krieges" - die eigenen kulturellen Interessen vom Gegensatz der beiden Weltmächte überdeckt waren, ist mit dem Ende dieser Bipolaren Dualität wieder Platz für die Entwicklung der Eigenständigkeiten gegeben. 
Die aktuelle politische Entwicklung fördert also durchaus die Regionalisierung der Weltmächte - allerdings in einer etwas mehr "geographisch regional" geänderten Einteilung als von Huntington angenommen.

 



Letztes Update ( Dienstag, 01 Juli 2008 )
 
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