UK - Marine - 50 Jahre Flag Officer Sea Training

Geschrieben von Andreas Uhl

Dieser Artikel wird mit freundlicher Genehmigung der "MarineForum - Zeitschrift für maritime Fragen" veröffentlicht.

Marineforum



50 Jahre Flag Officer Sea Training

Einsatzausbildung beim FOST ist auch in ihrem 50. Jahr in ihrer Form und Qualität weltweit ohne Konkurrenz

von Andreas Uhl
(Fregattenkapitän Andreas Uhl ist Deutscher Verbindungsoffizier beim Flag Officer Sea Training in Devonport und leitet dort den Einsatzausbildungsstab der Einsatzflottille 2.)


Marineforum - Naval Base Devonport (Photo: Royal Navy)
Naval Base Devonport
Bildquelle: Royal Navy
Am 26. September 2008 feiert die Royal Navy den 50. Jahrestag des Bestehens ihrer wichtigsten Ausbildungsorganisation: 1958 wurde die Organisation des Flag Officer Sea Training (FOST) in Portland/UK aufgestellt. Innerhalb kürzester Zeit erwarb FOST sich einen hervorragenden Ruf als Zentrum für die Gefechtsausbildung von Booten und Schiffen. Bald nach der Gründung schon lies die Marine der Niederlande ihre Zerstörer und Fregatten ebenfalls in Portland ausbilden. Ab dem Jahre 1962 durchliefen Schiffe und Besatzungen der Bundesrepublik Deutschland diesen mehrwöchigen, fordernden Ausbildungsgang.

Fast alle Angehörigen der ehemaligen Zerstörerflottille/heutigen Einsatzflottille 2 haben ihre manchmal harten Erfahrungen in Portland bzw. dann nach Verlegung des FOST 1995 in Devonport gemacht. Neben dieser Verlegung der Ausbildung der Überwasserschiffe nach Devonport gibt es einen weiteren wichtigen Meilenstein in der Geschichte des FOST: War FOST bislang nur für die Seeausbildung zuständig, kamen am 8. Mai 2007 alle see- und landgestützten Ausbildungseinrichtungen von Royal Navy und Royal Marines unter sein Kommando. Damit liegt die Verantwortung für jegliche Ausbildung innerhalb dieser beiden immer mehr zusammen wachsenden Teilstreitkräfte nun in einer Hand (»from cradle to grave«), der des Flag Officer Sea Training als »Single-Training-Command«.

U-Boote und »Minor War Vessels« werden nicht bei FOST Devonport, sondern bei FOST Faslane in Schottland ausgebildet. Beide, FOST Devonport und FOST Faslane konzentrieren sich in ihrer Arbeit auf die so genannte »Tier-1«-Ausbildung, also die Ausbildung einzelner Schiffe und Besatzungen. Die »Tier-2«-Ausbildung, die Ausbildung von Verbänden bzw. Task Groups, findet zweimal jährlich im Rahmen des Joint Warrior (ehemals Joint Maritime Course bzw. Neptune Warrior) statt. Federführung dafür hat FOST Northwood, auch Joint Tactical Exercise Planning Staff (JTEPS – früher Maritime Operations Training School – JMOTS) genannt.





Flagge Großbritannien









Einsatzausbildung von 1 bis 8 Wochen in Devonport
FOST Devonport kann für die Ausbildung der Überwassereinheiten auf umfangreiche Ressourcen zurückgreifen. Augenblicklich bilden allein bei FOST Devonport 270 Ausbilder (so genannte »Searider«) 46 Wochen pro Jahr bis zu 25 Einheiten von der Korvette bis zum Flugzeugträger in allen maritimen Disziplinen aus. Dabei gibt es unterschiedliche Formen der Ausbildung: Schiffe der Royal Navy können freiwillig so genanntes Continuation Training (1 bis 2 Wochen) durchlaufen, werden routinemäßig durch den britischen Flottenstab für das Basic Operational Sea Training eingeplant (6 bis 8 Wochen), erhalten einsatzspezifisch Directed Continuation Training (ebenfalls 1 bis 2 Wochen) oder erfahren Mobile Sea Training auf dem Transit bzw. gar im Einsatzgebiet.

Jedes Jahr absolvieren 6 bis 7 deutsche Einheiten die vier- bis sechswöchige Einsatzausbildung, deren Höhepunkt jeden Donnerstag der Weekly War ist. Die auszubildenden Einheiten müssen dann – mit je bis zu 30 Searidern an Bord – eine »Mission Essential Unit« (in der Regel den »FOST-Station Tanker«) unter Minen-, U-Boot-, Überwasser- und Luftbedrohung pünktlich und sicher zu einem bestimmten Punkt begleiten. Die Herausforderung einer dreidimensionalen Bedrohung wird durch Angriffe von paramilitärischen Kräften (»asymmetrische Bedrohung«) und die Anwesenheit eines Pressehubschraubers der »Gegenseite « verstärkt.

Die Gegner sind dabei z.B. britische, deutsche, niederländische und polnische U-Boote, von Zivilisten geflogene Hawk- und Learjets und angemietete Jachten. Am Ende des Tages erhalten alle Abschnitte eine verbale und schriftliche Manöverkritik und eine Bewertung, das »Assessment«.

Neben den eigenen und deutschen Einheiten bildet FOST regelmäßig auch niederländische, portugiesische, türkische, griechische, norwegische, polnische und französische Einheiten aus. Aber auch andere Marinen, wie die der USA, Südafrikas, Chiles, Schwedens, etc. senden gelegentlich Einheiten, um an den hohen Ausbildungsstandards der Royal Navy die eigene Ausbildung zu messen. Die Deutsche Marine unterstützt den Flag Officer Sea Training auch durch die Abstellung von Personal nach Devonport. Zwei Offiziere und derzeit fünf Portepee-Unteroffiziere bilden dort das German Liaison Team. Die Niederlande stellen vier Ausbilder, Australien zwei.






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Ablauf der Ausbildung
Grundsätzlich ist die Einsatzausbildung für alle Einheiten und Nationen gleich, mit gewissen nationalen und klassenspezifischen Abweichungen.

Deutsche Fregatten durchlaufen – nach national durchgeführter Vorausbildung gemäß dem Einsatzausbildungsplan der Flottille, der auch einen zweiwöchigen Ausbildungsabschnitt beim Ausbildungszentrum Schiffsicherung in Neustadt/ Ostholstein beinhaltet – im Rahmen ihres sechswöchigen German Operational Sea Trainings (GOST) zwei Hafen- und vier Seewochen, wobei die zweite Hafenwoche der zweiten Seewoche folgt.

Die Ausbildung beginnt zwingend mit dem Material Assessment & Safety Check (MASC, früher Staff Sea Check). Bis zu 50 FOST-Angehörige überprüfen an diesem Tag den materiellen Klarstand an Bord. Als Teil des »safe system to train« des FOST ergibt sich aus dem MASC auch, ob das Schiff »safe to train« ist, ob es also sicher am Seeverkehr teilnehmen kann und materiell und organisatorisch in der Lage ist, den Searidern eine sichere Plattform für deren Ausbildungstätigkeit zu bieten. So wurde z.B. eine südafrikanische Einheit, die keine Atemretter an Bord hatte, so lange nicht ausgebildet, bis diese Rettungsgeräte über den Schiffshändler eingekauft und installiert wurden. Ebenso betrat kürzlich auf einer deutschen Einheit wegen Abgasleckagen kein Ausbilder die Maschinenräume. Da diese Leckagen erst sehr spät beseitigt werden konnten, wurde der Bereich »Schiffstechnik« schließlich nicht als »einsatzfähig« zertifiziert.

Marineforum - Verletzte werden gesammelt und versorgt (Foto: F-209)
Verletzte werden gesammelt und versorgt
Bildquelle: F-209
Nach der ersten, hauptsächlich von Briefings und Einweisungen bestimmten Hafenwoche durchlaufen die Einheiten ein vorgeplantes (serialized) Programm, welches im Weekly Practice Programme (WPP) bekannt gegeben wird. In der sich anschließenden zweiten Hafenwoche finden Übungen wie die Hafenfeuerlöschrolle, die Abwehr von terroristisch motivierten Überfällen, die Überprüfung der Hafenwache durch so genannte Mini Response Übungen sowie das große Desaster-Exercise statt. Bei Letzterem ist die Aufgabenstellung, in einem Dorf nach einer Naturkatastrophe Brände zu löschen, Menschen zu retten, Verletzte zu versorgen, Tote zu bergen, die Infrastruktur wieder herzustellen, die Bevölkerung mit den notwendigsten Grundlagen zu versehen und vieles mehr. Diese eher in den Bereich Katastrophenmanagement einzuordnende organisatorische und handwerkliche »Materialschlacht« stellt eine hervorragende Vorbereitung auf mögliche humanitäre Einsätze nach Erdbeben, Hurrikans oder einem Tsunami dar.

Die dritte Seewoche folgt in ihrer Anlage – nunmehr mit erhöhtem Schwierigkeitsgrad – den ersten beiden.





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Die 4. Seewoche ist freeplay…
Anders die vierte und letzte Seewoche: Sie beginnt meist bereits am Wochenende zuvor. Das Schiff – versehen mit einer Krisenlage – sticht im Einsatz- bzw. Kriegsmarsch in See, ohne dass die nun folgenden Übungen im WPP ausgeworfen sind. Diese »Freeplay-Phase« stellt realitätsnah große Anforderungen an die bordinterne Organisation zur Sicherstellung einer hohen Reaktionsbereitschaft bei gleichzeitiger Durchhaltefähigkeit über einen langen Zeitraum. Im Rahmen dieser Phase trifft das Schiff auf einen Havaristen, dem es technische und sanitätsdienstliche Unterstützung zu leisten hat. Anderentags endet der Angriff eines paramilitärischen Motorbootes mit einer Katastrophe: Das Schiff erleidet durch eine Sprengstoffdetonation eine riesiges Leck und eine hohe Anzahl Verletzter (USS COLE-Szenario). Die Wiedererlangung der Einsatzfähigkeit ist hier kritisch, da zeitnah eine Evakuierungsoperation geplant und durchgeführt werden muss.

Alle Phasen des GOST folgen dabei einer ganzheitlichen Philosophie: Die Übungen sind in ein politisches Krisenszenario eingebettet, in welchem auch internationales Recht, Rules-of- Engagement sowie der Umgang mit VIPs und Pressearbeit eine wichtige Rolle spielen. Das Schiff und die Besatzungen werden an ihre technischen, physischen und psychischen Grenzen herangeführt. Sie leben sozusagen sechs Wochen lang in Krise und Krieg.

Einsatzbesichtigung
Das GOST endet mit der Final Inspektion, der Einsatzbesichtigung, die im Rahmen eines Weekly Wars stattfindet. Bei erfolgreicher Inspektion wird die Einheit mit dem »Final Signal « des FOST für ihre künftigen Aufgaben »operational capable« (einsatzfähig) zertifiziert. Damit endet auch die bis zu sechs Monate lange Einsatzausbildungsphase nach der letzten Instandsetzung. Das Schiff steht nun für die Vorhaben der Flotte oder Einsätze der Bundeswehr zur Verfügung.

FOST-Standard
Es wirft sich die Frage auf, wie realitätsnah die Ausbildung beim FOST ist. Nun, die Royal Navy ist eine Marine im permanenten (Kampf-) Einsatz. Zwar verblassen die Erfahrungen aus dem Falklandkrieg nach 26 Jahren zusehends, jedoch haben viele heutige Searider am ersten und zweiten Golfkrieg aktiv teilgenommen. Auch die bitteren Lehren aus der Havarie von HMS NOTTINGHAM, die 2002 auf ein Riff aufgelaufen und erheblich leck geschlagen war, flossen sofort in die Ausbildung beim FOST ein. Trotzdem habe ich persönlich zu Beginn meiner Dienstzeit als deutscher Verbindungsoffizier beim FOST einen durch Verschlankungswahn, Finanznot und Schlamperei verursachten steilen Niedergang der Standards innerhalb der Royal Navy – und damit beim FOST – erlebt.

Dieser Trend hielt bis zum April 2007 an, als 15 Boardingsoldaten von HMS CORNWALL im Persischen Golf durch iranische Kräfte gefangen gesetzt wurden. Dieser Vorfall zehrte arg am Selbstbewusstsein der britischen Nation und wurde im Nachhinein im Fulton-Report en détail aufgearbeitet, Defizite in allen Bereichen und Ebenen der Royal Navy identifiziert, die diese sehr medienwirksam zum Nachteil der britischen Seite ausgeschlachtete Geiselnahme möglich gemacht hatten. Ergebnis war eine rigorose Kehrtwendung innerhalb der Royal Navy. Materielle Unterstützung, Personalsteuerung und Ausbildung wurden einer Zäsur unterzogen.






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Regaining the Operational Edge
»Regaining the Operational Edge« (etwa: »die Wiedererlangung des operativen Bisses«) wurde in nur wenigen Wochen bei Royal Navy und Royal Marines zur neuen Philosophie. Ein Vorfall wie dieser sollte nie wieder möglich werden. Alles hatte sich jetzt den operativen Anforderungen des Einsatzes unterzuordnen, es wurden »absolute Standards« für Personal, Material und Ausbildung definiert, die nicht zu unterschreiten sind. Ballast, der nicht zur Erhöhung der Einsatzfähigkeit beiträgt, wurde über Bord geworfen (»If you don’t do it at war, don’t do it here«). Schlüsselpersonal, welches diesen Anforderungen nicht gewachsen war, wurde abgelöst, darunter auch Kommandanten.

Marineforum - FOST RAdm  Richard Ibbotson (Foto: Royal Navy)
FOST RAdm Richard Ibbotson
Bildquelle: Royal Navy
Dass dieses System gegriffen hat, verifizierte sich eindrucksvoll im Januar 2008, als die elf Einheiten der für den Einsatz im Persischen Golf vorgesehenen UK Task Group allesamt wegen ihrer Defizite durch FOST nicht zertifiziert wurden. Die Task-Group konnte erst mit mehrwöchiger Verspätung ihren Einsatz antreten, als die »absoluten Standards« hergestellt waren. Der von mir noch ein Jahr zuvor festgestellte Niedergang hat sich zwischenzeitlich in das Gegenteil verkehrt, die Royal Navy gewinnt wieder zusehends an Profil und Schlagkraft.

Seit Beginn 2008 finden regelmäßig Operational Assurance Visits auf allen RN-Einheiten in den Einsatzgebieten statt. Hier erkannte Mängel bei Material, Personal und Ausbildung führen im Extremfall zum sofortigen Verlust des Einsatzfähigkeit – und damit der Herausnahme der Einheit aus dem Einsatz. In weniger eklatanten Fällen wird entsprechend nachgesteuert. Zusätzlicher Ausbildungsbedarf fällt dabei unter die Verantwortung des FOST Commanders Mobile Sea Training (CMST), der auch auf alle FOST Ressourcen Zugriff hat. In der gesamten Royal Navy und bei den Royal Marines hat sich – durch Erkenntnis oder mittels Druck von oben – ein »Mindset« durchgesetzt, den primär die »frontline«, also Einheiten im Einsatz, in den Fokus des täglichen Dienstes rückt.

Die angesprochenen absoluten Standards gelten übrigens während der Einsatzausbildung in Devonport auch für die deutschen Einheiten, die sich den erhöhten Anforderungen gut gewachsen zeigen. So finden sich unter den Jahresbesten in der Ausbildung beim FOST immer auch deutsche Schiffe. In 2007 gehörte z.B. die Fregatte RHEINLANDPFALZ zu den drei besten FOST-Einheiten, in der ersten Jahreshälfte 2008 hat die Fregatte KARLSRUHE des beste Ergebnis aller beim FOST ausgebildeten Einheiten erzielt.





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Fazit
Die Einsatzausbildung beim FOST ist auch in ihrem 50. Jahr in ihrer Form und Qualität weltweit ohne Konkurrenz. Als ganzheitliche Ausbildung aller Bereiche eines Schiffes und als Grundlage für die Zertifizierung von Kriegsschiffen für den Krisen- und Kriegseinsatz kommt ihr eine unverzichtbare Rolle innerhalb des Einsatzausbildungsprogrammes der Einsatzflottille 2 zu. Mit Aufnahme der Korvetten K130 in die Ausbildung beim FOST ab September 2009 wird auch die Einsatzflottille 1 hier Erfahrungen sammeln können. Die Deutsche Marine wäre gegenwärtig nicht dazu in der Lage, eine vergleichbare Ausbildung zu organisieren.

Dass es der Royal Navy mit dem Programm »Regaining the Operational Edge« ernst ist, beweist die Tatsache, dass sich die Zahl der Einheiten, die nicht auf Anhieb für den Einsatz zertifiziert werden, seit 2006 verdoppelt hat, wobei auch auf mögliche diplomatische Befindlichkeiten keine Rücksicht mehr genommen wird. Es bleibt zu hoffen, dass es der Deutschen Marine gelingt – ohne eine ähnlich bittere Erfahrung wie die des CORNWALL-Vorfalls – die personellen, finanziellen und organisatorischen Herausforderungen zu meistern, die gegenwärtig an der Einsatzfähigkeit der Einheiten der Flotte nagen.