Dossier: Ostturkistan

Geschrieben von HP

Ostturkistan – Hsinkiang (Xinjiang)
Chinas „wilder Westen“ ist geprägt von wechselnder Herrschaft: Immer wieder – seit Jahrtausenden – gelang es chinesischen Generalen, hier Militärstützpunkte zu errichten und eine dem „Himmelsthron“ unterstellte Militärherrschaft auszuüben, in der Siedler der Han aus dem Mutterland angesiedelt wurden.
Immer wieder aber auch – in Zeiten der Schwäche – konnten die Oasenbewohner zur Selbständigkeit gelangen, geriet das Wüsten- und Steppenland mit seinen Oasen in die Herrschaft von Reitervölkern (türkische Hsiung nu oder Hunnen, Mongolen), die selbst zum Teil wieder den chinesischen Kaiserthron bestiegen und ihre Heimatlande wie auch das Gebiet des heutigen „Hsinkiang“ als „Morgengabe“ in das chinesische Reich einbrachten.
So errichtete China schon 60 v.d.Zw. ein Militärgouvernement der Westgebiete (xiyuduhu) im Gebiet südlich des Tianshan, im Tarimbecken, das nominell bis IU 1 n.d.Zw. bestand. Schon unter Wudi wurden chinesische Wehrbauern auch in Xinjiang (übersetzt: Neumark) angesiedelt, u.a. in der Turfan-Oase. 
Dann bildeten sich südlich des Tianshan rasch wieder Xiongnu-Staaten, die in einem mehr oder weniger ständigen Tributverhältnis zu China standen. Neue militärische Vorstöße des Generals Ban Chao (73 und 78) führten zu einer neuerlichen Aufrichtung eines chinesischen Protektorats. Es fiel gegen Ende der Han-Dynastie, zwischen 150 und 200, allmählich in sich zusammen, hatte also insgesamt etwa drei Jahrhunderte Bestand, im östlichsten Teil etwas länger als im westlichen.
Dieses „Hin und Her“ der chinesischen Oberherrschaft sollte sich in der Geschichte stets wiederholen. Als die Mongolen den Kaiserthron in Peking einnahmen reichte das Herrschaftsgebiet Pekings bis nach Europa, sogar der blutrünstige Tamerlan (Timur Lenk), der Bezwinger der „Goldenen Horde“ leistete noch 1394 – kurz vor seinem Tod – Tributzahlungen an die chinesische Ming-Dynastie und noch in der Zeit der letzten Mandschu-Dynastie lag die Westgrenze der Herrschaft Chinas am Rande des Balkash-Sees im heutigen Kasachstan.
Erst durch eine Reihe von „ungleichen Verträgen“ verlor China – gleichlaufend mit dem Vordringen der europäischen Kolonialmächte an der Küste – immer mehr Territorium an die Zaren. Die russische Expansion erreichte sogar Ostturkestan, bis Stalin im II. Weltkrieg (1942) gezwungen wurde, seine (erst seit 1933 unter chinesischen Gouverneuren stationierten) Schutztruppen aus der Region abzuziehen und an seine gefährdete Westfront zu verlagern.
Kein Wunder also, dass Chinesen die Gebiete von Hsinkiang als uralten Bestandteil von China, dem „Reich der Mitte“ zugehörend, ansehen.

Dieser Machtanspruch hat wenig mit der Bevölkerung zu tun, die hier siedelt. 

XINJIANG heute:
Seit 1955 genießt Ostturkestan – auch in der Schreibweise (H)Sinkiang oder Xinjiang einen Sonderstatus als “Autonome Region der Uiguren”. Daneben gibt es Kasachen, Tadjiken und - vor allem - zunehmend Han-Chinesen, die diese Provinz Chinas besiedeln.

Die Uiguren oder Uighuren gehören zu den Chagatai-Türken, die den Namen von einem Sohn Dschingis-Khans ableiten. Der Dialekt dieser Stämme gehört zum Ost-Türkischen oder „Turki“. Uighuren (Uygur, Uighur) und Usbeken (Özbek) sind zwei Namen für den gleichen Volksstamm, der seit Jahrhunderten die Oasen entlang der Seidenstraße bewohnt. In Ostturkestan umfasst das Siedlungsgebiet der Uighuren vor allem die Gebiete zwischen den traditionellen "Ästen der Seidenstraße", dem Gebiet entlang der heutigen Hauptroute über Urumqui nach Kasachstan, das Gebiet an der nördlichen Oasenrute am Tarim-Becken entlang bis Kaschgar und die südlich der Tarim-Wüste gelegene Oasenstrecke über Shache bis Dunhuang. Die Uighuren sind Oasenbewohner, keine Nomaden.

Der historische Uighuren-Name (Yugur – ein buddhistischer Stamm) wurde um 1500 zuletzt gebraucht. Die Nachfolger dieses alten Uiguren-Stammes sind die „Sari Uygor“ (Gelb-Uiguren) aus Kansu (China). Deren Name wurde um 1920 auf die Usbeken im heutigen Ostturkestan neu angewandt (Neu-Uiguren oder „Yeni Uigur).

Die Usbeken selbst sollen sich erst im 14. Jahrhundert unter der Führung eines mongolischen (?) Emirs namens Özbek aus dem kasachisch-kirgisischen Volksstamm gelöst haben. Ihre Schriftsprache, das Quwatay (Tschagatai) wurden für die Bezeichnung der Ost-Türkischen Volksstämme namensgebend. Allerdings wird das Uigurische in Chinas "wildem Westen" zunehmend zurück gedrängt. Die Sprache der Einheimischen wurde als Vorlesungssprache in den Hochschulen abgeschafft, und Mandarin vom ersten Schuljahr an als Unterrichtssprache genutzt.

Die in Usbekistan (Özbekistan) lebenden Usbeken werden mit knapp 8 Millionen angegeben, insgesamt sind es im gesamten Bereich der ehemaligen UdSSR rund 10 Millionen Angehörige dieses Volkes, dazu kommen 650.000 Usbeken in Afghanistan und etwa 15.000 in China.
Die „Neu-Uiguren“ leben mit fast 3,8 Millionen Menschen in China, dazu kommen rund 200.000 Personen in den Grenzen der ehemaligen UdSSR und etwa 30.000 „Salaren“ (Salar), die isoliert am Ufer des Hoangho leben.

Das Gebiet von Ost-Turkestan ist seit Jahrhunderten von türkischen Stämmen besiedelt, die sich auch ihrer Gemeinsamkeit durchaus bewusst waren. Ein türkischer Sprachwissenschaftler des 11. Jahrhunderts, Mahmut von Kaschgar, hat unter dem Titel „Divan –i Lügat – it – Türk“ (Gesammelter Wortschatz des Türkischen) in Bagdad, am Sitz der Kalifen, sogar das gesamte Wissen seiner Zeit über die Türken zusammengetragen.

Das heißt aber nicht, dass die Uighuren auch die Mehrheit der Bevölkerung in der nach ihnen benannten autonomen Region stellen.

Zwischen der mongolischen Grenze und der Verkehrsachse über Urumqui nach Kasachstan haben sich kasachische Nomaden angesiedelt, und entlang der Grenze zu Pakistan liegt ein geschlossenes Siedlungsgebiet der Tadjiken.

China verfolgt seit Jahren eine ausgeprägte „Sinisierungspolitik“. Schon unter Mao wurden Oppositionelle und auch die „Roten Garden“ in ganzen Kolonnen nach Xinjiang beordert, und heute bieten wirtschaftliche Anreize einen starken Beweggrund für Han-Chinesen, aus den überbevölkerten Land- und Küstengebieten in diese Region umzusiedeln.

1949 waren nur 300.000 der insgesamt 5 Mio. Einwohner der "Uigurischen Auotnomen Region Xinjiang" ethnsiche Chinesen. Insgesamt sollen sich heute rund 7,5 Millionen Uighuren und über 1 Million Kasachen, aber auch über 6,5 Millionen Han-Chinesen, fast 1 Million Hui und eine Vielzahl anderer Minoritäten wie Kirgisen und Tadschiken das Land teilen.  
Aber was heißt jetzt wieder „das Land“?.
Tatsächlich beschränkt sich die Ansiedlung der Chinesen im Wesentlichen noch auf die prosperierenden Städte entlang der Verkehrswege, die über Turfan und Urumqui (Urumtschi) nach Kasachstan sowie über Korka, Lunnan, Aksu und Kashgar nach Pakistan führen. Nach Westen zu wird auch der Bevölkerungsanteil der Chinesen in den Städten und Oasen – noch - immer niedriger. Dennoch ist China dabei, durch staatlich geförderte Umsiedelungen das Bevölkerungsverhältnis deutlich zu ändern, die türkischen Stämme, wie Scholl-Latour es ausdrückt, „zu überwuchern“.

In Urumtschi (Urumji) – der Haupt- (und boomenden Industrie-)Stadt - bilden die Han-Chinesen inzwischen – zunehmend – über 80 % der Bevölkerung. Dazu kommen noch etwa 10 % Hui, reinrassige Han-Chinesen, die allerdings vor Jahrhunderten zum Islam bekehrt wurden und inzwischen in ganz China verteilt sind. Obwohl sich die Hui nur aufgrund ihres Glaubens von der Mehrheit der Bevölkerung Chinas unterscheiden haben sie sogar am Huang-Ho eine eigene autonome Region erhalten. Es kann durchaus vermutet werden, dass die Hui (oder Dunganen) Abkömmlinge der Han-Chinesen sind, die seit Jahrtausenden als Wehrbauern in Hsinkiang angesiedelt wurden und mit den dort beheimateten türkischen Stämmen auch den Islam angenommen haben.
Wer nachrechnet wird feststellen, dass für die Uighuren in Urumtschi – der Hauptstadt der Region - bestenfalls noch ein Bevölkerungsanteil von 10 % verbleibt. Urumtschi ist inzwischen eine chinesische Boom-Town mit 30- und 40-stöckigen Hochhäusern, die den Vergleich mit den Hafenstädten im Osten nicht zu scheuen braucht.  

Über 300.000 ethnische Han-Chinesen strömen derzeit (2006) jährlich durch Korla nach Westen - und zigtausende bleiben in der Stadt hängen.  

Im Bezirk Aksu – auf halbem Weg nach Kaschgar gelegen – hat sich auf Maos Befehl in den 60er Jahren sogar die ganze Achte kommunistische Feldarmee in der Manier des alten „Wehrbauerntums“ niedergelassen und eine blühende Agrarzone geschaffen. Von den rund 200.000 Einwohnern sind inzwischen knapp 60 % Chinesen, während sich nur etwas über 40 % der Bevölkerung zu den Uighuren zählt. Hier kam es noch um 1980 zu blutigen Zusammenstößen zwischen uighurischen Nationalisten und der chinesischen Volkesbefreiungsarmee. In Shule, einer riesigen Garnisonsstadt bei Kaschgar, sind zehntausende chinesischer Soldaten als "demobilisierte Einheiten in Reservestatus" mit dem Aufbau von Landwirtschaft und Industrie beschäftigt, und jederzeit mobilisierbar. Peking fürchtet die Unabhängigkeitsbestrebungen uighurischer Nationalisten. Erst Anfang 2007 kam es zu Schießereien zwischen der chinesischen Polizei und der Ostturkestanischen Islamischen Bewegung (Etim), der Kontakte zu den Taliban und Al Quaida nachgesagt werden. Beweise für diese Verbindungen hat Peking bisher (2007) noch nicht vorgelegt, und weil die paschtunischen Taliban und die von Turkvölkern und Tadjiken gebildete Koalition in Nordafghanistan konträre Positionen einnehmen, ist eine intensive Zusammenarbeit derzeit wohl auch nicht zu erwarten.

Erst in der alten Handelsstadt Kaschgar (Kashi) – dem alten und neuen Verkehrsknotenpunkt, in dem sich die Seidenstraße in die südliche Route nach Pakistan und die nördliche nach Kirgistan und Usbekistan teilt - machen die Uighuren noch über 80 % der Stadtbevölkerung aus, und im Grenzdistrikt selbst zählen fast 90 % der Bewohner zu den islamischen Uighuren. Die staatlich gelenkte Migration ist aber dabei, hier 300.000 Han-Chinesen aus der übervölkerten Szetschuan-Provinz anzusiedeln. China verfolgt dabei nicht nur eine Politik der ethnischen Unterwanderung.  Die kulturelle Autonomie der türkisch-islamisch geprägten Einheimischen wird gezielt "trocken gelegt". Die 1992 in Kaschgar eröffnete Koranschule ist nach drei Jahren wieder geschlossen worden, das staatliche Amt für religiöse Angelegenheiten gibt einen "zensierten Koran" heraus, und Jugendliche unter 18 Jahren dürfen die Moscheen nicht betreten. Im Mai 1999 wurde die neue, 1.451 km lange Eisenbahnverbindung von Turpan (Provinz Xinjiang) an der Hauptlinie nach Kasachstan im Nordwesten Chinas bis nach Kashgar vollendet. Kashgar ist zugleich der Endpunkt des berühmten Karakorum-Highways, der über den Khunjurabpaß nach Pakistan bis zum Indischen Ozean führt. Von Kashgar soll die Bahnlinie bis ins zentralasiatische Ferganatal und von dort aus bis nach Europa verlängert werden. Diese zukünftige Bahnlinie wird auch als Paris-Shanghai-Bahn bezeichnet und ist Teil des im Rahmen des EU-geförderten TRACECA-Programms (TRACECA = Verkehrskorridor Europa-Kaukasus-Asien). 

Auch entlang der südlichen Route der Seidenstraße - zwischen der Wüste Taklamakan im Norden und dem Kuniun-Gebirge und Tibet im Süden - gehören immer noch 90 % der Bevölkerung zu den Uiguren. Hier scheint die Zeit stehen geblieben zu sein - die Oasen mit ihren Bauern und die Basare strahlen immer noch den Charme orientalischer Weisheit aus.

Beide großen Völker – die Chinesen und die türkischen Stämme – leben getrennt voneinander, jeweils in der „eigenen Welt“, die so gut wie keine Kontakte zur jeweils anderen Volksgruppe aufweist. Damit leben beide Völker auhc in getrennten Wirtschaftssystemen. Der von Peking geförderte wirtschaftliche Boom der Provinz (s. u.)  nimmt die  Urbevölkerung nicht mit,  diese lebt weiter in ihrer traditionellen Wirtschaft und die ökonomische Kluft zwischen den zunehmend wohlhabenderen Chinesen und den  Turkvölkern wird immer größer.

Entlang der Seidenstraße sind schon immer Händler, aber auch Eroberer und ganze Völkerwanderungen geflutet, sind religiöse Ideen vorgedrungen und haben sich viele Völker vermischt und eine Heimat gefunden. Nationalstaaten im Sinne einer „Volksheimat“ war über Jahrtausende dem Denken der Menschheit fremd. Die „Herrschaft von Herrschern“ hat zur Reichsbildung und zur Verschiebung von Grenzen geführt. Ein Reich war immer das Herrschaftsgebiet einzelner Personen oder Fürstenhäuser, und noch bis zum 1. Weltkrieg haben z.B. in der Donaumonarchie Deutsch-Österreicher, Ungarn Tschechen und Slowaken selbstverständlich in einem Reich zusammen gelebt. Erst der erwachende europäische Nationalismus und der Gedanke von der Volksherrschaft, der Demokratie, führten zur Bildung von Nationen, von Nationalitäten und Nationalstaaten, wobei das jeweilige Staatsvolk – so die idealisierte Denkweise – auch über den eigenen Staat verfügen sollte. Das „Selbstbestimmungsrecht der Völker“ – Grundlage des heutigen Völkerrechts – wäre ohne diese Ideen aus der Zeit von Aufklärung und Nationalbürgertum kaum denkbar.
Das „türkische Nationalbewußtsein“ ist erst mit der Zerschlagung des Osmanischen Reiches unter Atatürk erwacht, auch im Widerstreit zu „großtürkischen Ideen“ die den Jungtürken unter Führung des Sultansadjutant Ismail Enver Pascha mit "einem völkischen Rasse-Konzept", einem Großreich von Thrakien bis Mittelasien, vorschwebten.


Und auch in Ost-Turkestan regt sich Widerstand gegen die Sinisierung des Landes. Gerade in der Türkei und in Deutschland wird um Unterstützung für sezessionistische Bestrebungen geworben. Über das Internet (siehe externe Links) findet die sezessionistische Opposition eine breite Öffentlichkeit. Uighurische Saboteure und Partisanen haben in Afghanistan bei den Taliban (den in Pakistan ausgebildeten „Koranschülern“) Ausbildungslager durchlaufen – merkwürdigerweise also genau bei den islamistischen Eiferern, die mit Unterstützung der pakistanischen Streitkräfte den Konflikt um Kaschmir am sieden halten; und tatsächlich fördern auch pakistanische Prediger die Re-Islamisierung in der Region. 
Es ist ein fragiles Bündnisinteresse, ideologisch lediglich geeint durch den „gemeinsamen Gegner Indien“, das Chinas und Pakistans islamische Regierungen zu Verbündeten gemacht hat.

Externe Links:
East Turkistan - (www.eastturkistan.com) 


China









Wirtschaft:
Erdölfunde und das chinesische Weltraumprogramm machen Xinjiang zu einer der wichtigsten Regionen Chinas. Heute wird Hsinkiang von den Regierungen Chinas erneut massiv gefördert. Es ist inzwischen offizielle chinesische Politik, Investoren - auch ausländische Investoren - in die Westprovinzen Chinas zu locken. "Die verarbeitende Industrie im Osten des Landes soll verstärkt nach Zentral- und Westchina verlagert werden, damit Unternehmen mit ausländischem und inländischem Kapital noch einmal in den Zentral- und Westgebieten investieren" können. Gerade die Grenzprovinzen zu Russland und Kasachstan bieten eine enorme Perspektive. Der Warenaustausch - Bodenschätze aus den Nachbarstaaten gegen Konsumgüter aus China - scheint ein fast unbegrenztes Wachstumspotential zu haben. Darüber hinaus wird das Gebiet auch touristisch erschlossen. 350.000 ausländische Touristen haben im Jahr 2006 Xinjiang besucht. Im Jahre 2006 sind 66 neue Unternehmen mit auswärtigem Kapital in Xinjiang registriert worden. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) von Xinjiang ist nach chinesischen Angaben in diesem Jahr 2006 um 11,2 Prozent gewachsen (Quelle: www.china.org.cn). Xinjiang gehört daher inzwischen zu den wirtschaftlich am stärksten wachsenden chinesischen Provinzen. Zu diesem enormen Aufschwung trägt vor allem die massive Verbesserung der Infrastruktur in der Provinz bei. 

Xinjiang ist das geographische Zentrums Asiens. Es ist die natürliche Landverbindung Chinas nach Westen, in die zentralasiatischen Staaten und darüber hinaus in den Nahen Osten und über Russland nach Europa. Das Uigurische Autonome Gebiet Xinjiang in Nordwestchina befindet sich in einer günstigen Lage für grenzüberschreitenden Handel. Aus dieser Lage schlägt die Provinz Kapital. Sie wird zum Sprungbrett Chinas zu den Bodenschätzen in Sibirien, am Kaspischen Meer und am Persischen Golf. Und weil China immer mehr von Öllieferungen abhängig wird, erhält die Landverbindung über Xinjang immer mehr strategische Bedeutung, da die Seehandelswege im Fall eines Konfliktes mit anderen Mächten (etwa um die Unabhängigkeit Taiwans) extrem bedroht wären. Über den Karakorum Highway haben sich die Chinesen eine Hochstraße über mehr als 4.000 m hohe Pässe nach Pakistan gebaut - wo in Gwadar am indischen Ozean ein gewaltiger Hafen ausgebaut wird. Die Bahn- und Straßenverbindungen nach Kasachstan und Kirgistan werden ausgebaut, und viele - nach dem Zerfall der Sowjetunion arg vernachlässigten - Schotterpisten Zentralasiens zu breiten Überlandchauseen aufgemöbelt. Eine 500 km lange Autostraße verbindet die nördliche und südliche Route der traditionellen Seidenstraße. 

Die neue Seidenstraße
Nach der „Abgeschlossenheit“ des Reiches der Mitte unter Mao – verstärkt um die Geheimnisse des Atomforschungszentrums von Lop Nor im Zentrum der Provinz – hat sich das Gebiet weit geöffnet.
Heute bahnt sich der rege Verkehr in Urumtschi über vierspurige Autobahnen, Urumtschi steht den boomenden Küstenregionen in der wirtschaftlichen Expansion kaum nach. Peking treibt die Infrastrukturmaßnahmen voran. Nach einer Meldung vom Februar 2007 sollen über 9.500 km Straßen neu gebaut oder saniert werden, davon sind alleine über 1.000 km Autobahn vorgesehen.

Eine zunehmend besser ausgebaute Passstraße – der Karakorum Highway, hart an der westlichen Landesgrenze zu Tadschikistan entlang über die Pässe Ulugrabatdavon (4.098 m) und Tortej (3.420 m) nach Taschkurgan (Taxkorgan, der Hauptstadt der „Autonomen Region der Tadschiken“ in China, von dort über den Khunjerab-Paß (4.733 m), der die Grenze zwischen China und Pakistan bildet, hinüber nach Pakistan führend - ermöglicht den regelmäßigen Warenaustausch mit Pakistan. Ganze Lastwagenkolonnen und Linienbusverbindungen (die sogar regelmäßig von organisierten Reisgruppen genutzt werden) sichern den Austausch von Waren, Menschen und Ideen zwischen dem einst abgeschlossenen Tarim-Becken und dem islamischen Süden. Die chinesische Bahnstrecke ist bereits bis Kashgar vorgedrungen, von wo die Pass-Straßen nach Pakistan und über den Tourgart-Pass nach Kirgisistan weiter führen. Jetzt wird der Weiterbau der Eisenbahnlinie und einer Pipeline nach Pakistan bis zum Tiefseehafen Gwadar projektiert. Die Eisenbahn soll über eine Querverbindung von Korla nach Golmud (mit Anschluss an die Tibet-Bahn) bis in das Perlfussdelta in Chinas Süden Anschluss erhalten.

China arbeitet daran, auch alte Karawanenpfade nach Tadschikistan (Badaghschan) und in den afghanischen Wakhan-Zipfel zu asphaltierten Straßen auszubauen. Die Strecken über Osch und Naryn durchs Fergana-Tal nach Kirgisistan, Tadschikistan und Usbekistan sind wieder geöffnet. Im Frühjahr 2006 einigten sich China und Tadschikistan auf den Bau einer Gaspipeline nach Kashgar, mit der ab 2009 rund 30 Mrd. cbm tadjikisches Gas jährlich in das chinesische Pipeline-Netz gepumpt werden sollen. Eine Verlängerung der Leitung über Usbekistan nach Turkmenistan und in den Iran bietet sich an.

Noch im Jahr 2007 sollten zehn Schwerpunktprojekte zur Erschließung Westchinas umgesetzt werden, für die insgesamt 151,6 Milliarden Yuan (14,6 Milliarden Euro) bereit gestellt wurden. Das Schienennetz in Südwest- und Nordwestchina wird neu angelegt, außerdem sollen Straßen und Flughäfen gebaut werden.

Seitdem die Bahnlinie Peking-Urumtschi nach Almaty (Alma Ata) in Kasachstan verlängert wurde und dort Anschluss an das ehemalige sowjetische Eisenbahnnetz und die aus Sowjetzeiten hervorragend ausgebauten Straßen im Grenzgebiet gefunden hat, gestalten sich auch die Wirtschaftsbeziehungen zwischen China und den türkisch-zentralasiatischen Republiken Kasachstan und Kirgistan, aber auch zu Tadschikistan immer enger. Nach der Bahnverbindung über den Alataw-Pass wird derzeit an einer zweiten Bahnstrecke über Yining und den flachen Horgas-Pass nach Kasachstan gebaut, die bis 2008 fertig gestellt sein soll. Der neue Grenzübergang wird fast 4 qkm beanspruchen, mit Freihandelszone, Hotels, Restaurants und einem Gewerbegebiet. Aus dem Grenzposten Horgas-Port soll eine Millionenstadt werden.  

Nach Abschluss der Investitionsmaßnahmen will China verstärkt "Schlüsselindustrien" in der Region ansiedeln.

Zentrum der Energieversorgung: 
Die Provinz enthält etwa 1/3 von Chinas Öl- und Gasreserven, die seit 2004 über eine mehr als 4.000 km lange Pipeline nach Shanghai gepumpt werden. Etwa 1/10 des chinesischen Ölbedarfs (anteilig also rund 30 Mio. t.) und 1/5 des chinesischen Gasbedarfs (anteilig 11,4 Mrd. cbm) werden durch die eigenen Vorräte in Xinjiang gedeckt. Seit Sommer 2006 ist die Lunnan-Shanghai Pipeline bis Atasu tief im Herzen Kasachstans verlängert, mit Anschluss an die westsibirischen Ölfelder Russlands (Lieferkontrakt von rd. 30 Mrd. cbm Gas ab 2011) und einer projektierten Verlängerung zum Kaspischen Meer.  Die derzeitige Kapazität der Pipeline (immerhin 12 Mrd. cbm Gas in 2006) soll bis 2010 durch weitere Röhren auf jährliche 110 Mrd. cbm Gas und 50 Mio. t. Öl gesteigert werden. Darüber hinaus werden acht gigantische Raffineriezentren in Urumtschi, Karamay, Dushanzi und Turfan im Norden sowie in Kashgar, Zepu, Kucha und Korla im Süden die Region zur Energieprovinz Chinas machen. Chinas expandierender Energiebedarf bietet sich den Kasachen zum Ölexport geradezu an, während die Kaufhäuser Zentralasiens mit chinesischen Konsumgütern zunehmend das Sortiment aufbessern. Ein Großteil dieser Waren wird inzwischen in Xinjiang produziert. Von Instant-Nudeln über, Mobiltelefone (SK Telekom) bis zu Fernsehern (Hisense) - Zentralasien scheint gierig auf chinesische Waren zu sein, es kann sich mit zunehmendem Öl- und Gasexport immer mehr leisten, und China steht bereit, sein Warensortiment immer mehr auszubauen.

In Westchina sollen zudem weitere neue Wasserkraftwerke entstehen.

Eine der Optionen Chinas ist die Förderung der Windenergie. Laut Experten können in Xinjiang Windkraftanlagen mit einer gesamtkapazität von 80 Millionen Kilowatt errichtet werden. Der dänische Hersteller von Rotorblättern für Windkraftanlagen LM Glasfiber Group hat daher in Urumqi im Gebiet von Xinjiang in Nordwestchina, eine Produktionsstätte eingerichtet, in der voraussichtlich im August 2007 die Produktion von Windkraftanlagen anlaufen soll.

Weiterer Schwerpunkt ist der Aufbau der Kohleindustrie.

Immer bessere Beziehungen zu den Zentralasiatischen GUS-Nachfolgestaaten:
Auch die politischen und militärischen Beziehungen zwischen China und den westlichen Nachbarstaaten werden immer enger. 
Beide - China und die GUS-Nachfolgestaaten - eint die uralte Handelsbeziehung über die Seidenstraße, die jüngste kommunistische Geschichte, die Furcht vor radikal islamischen Unterwanderungen, und der Wunsch nach Distanz zur russischen Hegemonialmacht im Norden. 
Dieses gemeinsame Interesse schlägt sich – vom Westen fast unbemerkt - auch in militärischer Kooperation nieder.
So fanden im September 2002 gemeinsame Manöver chinesischer und kirgisischer Streitkräfte im Grenzgebiet statt. 400 chinesische und 100 kirgisische Soldaten nahmen an dem Manöver „zur Terrorismusbekämpfung“ teil, bei dem auch Geschütze und Panzer eingesetzt wurden. 
Darüber hinaus führte die Shanghaier Kooperationsorganisation im August 2003 in der ostkasachischen Grenzstadt Uchara ein erstes gemeinsames Manöver zur Bekämpfung des Terrorismus durch, an dem mehr als 1000 Soldaten aus China, Kasachstan, Kirgistan, Russland und Tadschikistan teilnahmen.

Die Bundeszentrale für Politische Bildung über Chinas Interessen in Zentralasien:
(Zitat)
Der Kampf gegen al-Qaida und die Taliban 

Chinas Nordwesten ist ein potentieller Balkan. Die "Autonome Region Sinkiang-Uighur" ist reich an Rohstoffen. Sie ist Teil einer zentralasiatischen Region, die im chinesischen Verständnis als Nachschubgebiet dienen würde, sollte die Volksrepublik je von den Ölquellen am Golf abgeschnitten werden. In Sinkiang leben 18 Millionen Menschen, von denen 9,2 Millionen Moslems sind, vornehmlich turksprachige Uighuren. Der Anteil ethnischer Chinesen an der Gesamtbevölkerung ist zwischen 1949 und 2002 von sechs auf 40 Prozent angewachsen. 
Unter dem Namen "Ostturkestan" war der größte Teil Sinkiangs von Januar 1945 bis Januar 1946 mit sowjetischer Unterstützung von China unabhängig. Die Lage an der Grenze blieb während des sino-sowjetischen Konflikts gespannt. Als sie sich nach dem Untergang der Sowjetunion normalisierte und die nordwestlichen Grenzen der Volksrepublik durchlässiger wurden, entstanden im Zusammenhang mit dem afghanischen Bürgerkrieg neue Risiken. Seither hat Peking auf kleinste Anzeichen von ethnisch-religiösem Separatismus äußerst empfindlich reagiert und eine Strategie der wirtschaftlichen "Erschließung des Westens" mit zunehmend repressivem Vorgehen kombiniert. In den neunziger Jahren kam es in den Städten Sinkiangs hundertfach zu Unruhen und Bombenanschlägen. Allein 2001 wurden fast 10 000 "Kriminelle" verhaftet, 397 "Verbrecherbanden" zerschlagen und 29 Personen zum Tode verurteilt. 
Diese Kampagne wurde im Oktober 2001 weiter verschärft. Seit damals bezeichnet China uighurische Unabhängigkeitskämpfer als "Terroristen" und hat sich bei ihrer Verfolgung um amerikanische Unterstützung bemüht. George W. Bush erklärte allerdings bereits im Oktober 2001, Chinas Mitwirkung an der "internationalen Koalition" dürfe niemals zum Vorwand für die Verfolgung ethnischer Minderheiten werden. 
China hatte ernsthafte Probleme mit den Taliban und verweigerte ihnen die diplomatische Anerkennung. Gleichzeitig war man nicht daran interessiert, ein pro-russisches oder pro-amerikanisches Regime an ihrer Stelle zu sehen. Im Dezember 2000 soll der chinesische Botschafter in Pakistan Taliban-Führer Mullah Omar getroffen und ihn aufgefordert haben, die Unterstützung für uighurische Gruppen einzustellen. Omar verlangte seinerseits, dass die Volksrepublik Sanktionen gegen sein Land im Weltsicherheitsrat durch Veto zu Fall bringen solle. Im März 2001 wurde bekannt, dass chinesische Unternehmen in Afghanistan tätig waren.“ 

Externer Link:
Das Parlament - (www.das-parlament.de) 


Zunehmend enge Kontakte zum Iran:
Auch die iranische Regierung müht sich, über den „Mittler Pakistan“ die Beziehungen zu China zu verbessern. Dahinter steckt nicht nur der strategische Wunsch Teherans, sich gegen die Bedrohung durch die als hegemonistisch empfundenen USA mit einem starken Verbündeten zu wappnen – während Peking mit den iranischen Tadschiken einen Puffer gegen afghanisch-islamische Fundamentalisten gefunden hat.
Teheran und Peking können durchaus auch in militärischen Angelegenheiten durch Kooperation gewinnen.
Während Irans Luftwaffe von den neuesten chinesischen Flugzeugentwicklungen wie der J 10 profitieren könnte (Iran hat schon die veralteten F-6 und F-7 im Bestand), China neben Russland als Lieferant für modernere Kampfpanzer in Frage kommt und das chinesische Programm zum Bau von Schnell-, Patrouillenbooten und U-Booten für den Küstenschutz auch für den persischen Golf ideal geeignete Kriegsschiffe produziert, hätte China die Möglichkeit, sich mit (Raubkopien) der iranischen Kampfhubschrauber Modell 2091 (Nachbau der AH-1) der Hubschrauber Modelle 2061 (AB.206), Shabaviz 2-75 (UH-1) und Shahed 278 zu verstärken. Gerade die fehlenden Kampfhubschrauber sind ein Manko der chinesischen Streitkräfte.

Fraglich allerdings, ob diese partnerschaftlichen Beziehungen auf Staats- und Regierungsebene auch geeignet sind, die beiden Volksgruppen Sinkiangs auf Dauer zu einem harmonischen Miteinander zu bewegen.
Scholl-Latour bringt es auf den Punkt, wenn er in seinem Buch „Das Schlachtfeld der Zukunft“ ausführt: „Mag sein, dass Peking, das bereits zu Pakistan beste Beziehungen unterhält, um den indischen Rivalen in einer endlosen regionalen Konfrontation mit Islamabad zu paralysieren, eine ähnliche Präferenz auch der Islamischen Republik Iran angedeihen lässt. Durch enge Zusammenarbeit mit den Mullahs, vor allem auch auf dem Gebiet modernster Waffentechnik, lassen sich die Hegemonialbestrebungen der USA im mittelöstlichen Raum konterkarieren und eine Verzettelung ihres Machtpotentials bewirken. Hingegen kann man keine Brücke schlagen zwischen der Diesseitigkeit chinesischen Denkens, dem Verzicht auf jede metaphysische Spekulation, wie sie im Sittenkodex des Meister Kong verankert ist, und der Gottesbesessenheit, dem theozentrischen Lebensgefühl, das der Prophet Mohammed seinen Jüngern auferlegte.“
Wie richtig diese These der „Unvereinbarkeit des Denkens“ ist zeigt sich in der anhaltenden Auseinandersetzung um Tibet.
Dieser – am strengen Islam orientierten Sicht – kann als Prognose für Ostturkestan nur entgegengehalten werden, dass der Islam bei den türkischen Völkern immer etwas lockerer, weltoffener, legerer gehandhabt wurde, dass schamanistische – abergläubische – Relikte sogar bei den dem Weingenuss nicht abgeneigten „Moselmanen“ von Istanbul erhalten blieben und die strenge –wahabitische - Auslegung des Koran auf die arabische Halbinsel beschränkt blieb, während der „Export“ dieser fundamentalistischen Schule des Islam über Pakistans Flüchtlingslager auch an den Stammesfehden in Afghanistan und dem Widerstand von (türkischen) Usbeken und (iranischen) Tadschiken (Nordallianz) scheiterte.

Externe Links:
Xinjiang - aus Sicht Pekings